Neuer Text · Christoph Maas

Hoffnung in einer toxischen Beziehung

Über Beziehungen, die Kraft rauben, über Grenzen, Glauben, Vergebung und die Hoffnung auf Befreiung.

Ein persönlicher Erfahrungs- und Glaubenstext von Christoph Maas.

Nachdenkliche junge Frau am Fenster
Hinweis: Der Text schildert persönliche Erfahrungen und Glaubensüberzeugungen des Autors und berührt belastende Themen wie Gewalt und psychische Krisen. Er ersetzt keine medizinische, psychotherapeutische oder rechtliche Beratung.

Sich in der Gegenwart einer bestimmten Person nicht wohlfühlen, das kennen wir. Ich denke jetzt nicht an das erste Treffen mit einem Fremden, mit dem ich auf sachlicher Ebene zu tun habe. Sondern an eine längerfristige Beziehung. Das können sogar die engsten Angehörigen sein. Wir kennen die Gefühle, die ein solcher Mensch in uns auslöst. Gefühle, die runterziehen und zerstörend wirken. Woran wir vielleicht nach einer Begegnung zu knabbern haben. Im Sprachgebrauch benutzen wir gerne das Bild, dass die „Chemie“ nicht stimme. Heute bezeichnen wir solche Erfahrungen als „toxische Beziehungen“; also als vergiftet. Sie können sogar die persönliche Entwicklung hemmen oder für lange Zeit blockieren. Ganz schwierig wird es, wenn das im engsten Familienkreis geschieht und wir nicht ausbrechen können. Oder sogar in der Ehe, wenn die beiden Menschen, die sich einmal geliebt haben, stark verändern und einander immer fremder werden. Vielleicht sind es sogar die eigenen Eltern, die vergiftend wirken. Ursachen für dieses Phänomen sind vielfältig.

Wenn es unerträglich wird

Nun lässt sich die toxische Beziehung zu einem Freund leichter abbrechen als zu Menschen, mit denen wir in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen. Dabei sollten wir bedenken, dass ein Abhängigkeitsverhältnis nie eine Einbahnstraße sein darf, sondern auf Gegenseitigkeit beruht. „Ich komme da einfach nicht raus“ habe ich in der seelsorgerlichen Praxis oft gehört. Wirklich nicht? „Sie ist doch ohne mich aufgeschmissen.“ Wirklich? Ich habe Menschen kennengelernt, die an ihrer Betreuungsaufgabe zerbrochen sind. Kann es das sein? „Was soll denn aus ihm, aus ihr werden, wenn ich gehe?“ hörte ich mehr als einmal von verzweifelten Eheleuten. Wir reden dann sehr leicht davon, dass sich jemand für einen anderen „aufopfert“.

Klar, es gibt belastende Lebenssituationen, aus denen wir nicht rauskommen. Wenn sie von Liebe getragen werden, dann wird auch immer wieder die Kraft vorhanden sein, um durchzuhalten. „Liebe“ ist der entscheidende Faktor. Das hat Gott so festgelegt.

Toxische Beziehungen zeigen sich auch im Großen: zur Regierung, zu den Verantwortlichen im Staat, zur Gesellschaft insgesamt.

Erleichterung mit Satire

Satire tut einfach gut, wenn unsere Sinne auf Enttäuschung, Ärger und Wut programmiert sind. Comedian´s nehmen eine unterschätzte Rolle in der Gesellschaft ein, packen sie doch Probleme von der humorvollen Seite an und ziehen sie durch den Kakao. Wir sollten erst eine satirische Veranstaltung besuchen als sofort zu einer Demo zu marschieren. Hier wird es praktisch. Ja, die meisten Menschen lachen viel zu wenig. Herzhaftes Lachen entgiftet.

Nun werden wir nicht mit einem Lachanfall eine toxische Beziehung heilen. Aber wir bekommen den Kopf frei. Ich bleibe mal auf dieser Schiene: Rufe dir eine Person ins Bewusstsein, die Dich in den Wahnsinn treiben könnte. Stelle dir diese Person splitternackt vor, wie sie plötzlich in eine Gruppe von elegant gekleideten Menschen geschoben wird. Male dir die Mimik und die Gestik aus. Und lache einmal kräftig über diese Gestalt. Diesen Tipp habe ich übrigens vor vielen Jahren von einem Eheberater erhalten, weil ich in der Begleitung eines Menschen nicht so richtig weiterkam. Es gibt noch eine andere Hilfe: Stelle dir die Person als pinkfarbenen Zwergpudel vor und lache kräftig darüber!

Lachen setzt das Glückshormon Serotonin frei. Solche Übungen befreien dich innerlich, diese Person nicht so bedrohlich und zerstörend zu empfinden. Versuche, dir vorzustellen, dass du dieser Person weitaus überlegen bist. Du bist ein Teil der feinen Gesellschaft, in die der nackte Mensch geschoben wird. Oder mit dem Tiervergleich: er ist ein pinkfarbener Pudel und du ein selbstbewusster Schäferhund, der schon mal zubeißt. Die Tierwelt schenkt uns so viele Vergleichsmöglichkeiten, positiv und negativ. Aus dem „Mausebär“ in einer Ehe wird leicht eine „blöde Kuh“. Wir greifen immer wieder in diese Kiste. Am Anfang war es das „Käferlein“. Irgendwann wird daraus die „dumme Ziege“ oder der „Hornochse“. Wir tun den Tieren oft Unrecht, aber sie können sich ja nicht wehren.

Was wollen diese Vergleiche ausdrücken? Sie geben unsere ehrliche Einstellung zu einem Menschen preis. Oft rutschen sie uns ungewollt raus.

Toxische Beziehungen unterbrechen

Meine Eltern haben mich immer wieder gedemütigt, auch, als ich schon im Studium war. Irgendwann, bereits verheiratet und Vater von zwei Kindern, habe ich den Kontakt zu ihnen völlig abgebrochen und eine einjährige Sendepause eingelegt. Kein Telefonat, kein Besuch, kein Gespräch, kein Glückwunsch. Nichts! Nach mehr als einem Jahr waren sie es, die mich baten, dass wir uns für eine Stunde in einem Hotel treffen. Diese erste Begegnung verlief kühl-sachlich. Nach sechzig Minuten verabschiedete ich mich. Die Beziehung ist immer auf der sachlichen Ebene geblieben. Sie erteilten mir immerhin die Vorsorgevollmacht.

Eine toxische Beziehung unterbrechen ist so ähnlich wie eine Stromverbindung kappen. Ein wichtiger Aspekt zeigt sich darin, dass wir aus der passiven in die aktive Rolle schlüpfen. Keine Opfergesinnung mehr, sondern Siegesbewusstsein. Ich ergreife die Initiative. Ich nehme allen Mut zusammen und rede mit der schädlichen Person Klartext. Oft geht das jedoch nicht. Es ergibt sich keine Gelegenheit. Oder es gelingt einfach nicht. Dann hilft nur die Version wie bei meinen Eltern: den Kontakt abbrechen, radikal und kompromisslos.

Nun höre ich manch einen Christen protestieren. Ein solches Verhalten sei überhaupt nicht geistlich. Wie soll Gott nur darüber denken? Manche Gläubigen treiben es sogar so weit, dass sie behaupten, der Herr habe ihnen diese Last auferlegt. Vielleicht wollen sie sich mit dieser demütigen Haltung bei Gott Punkte verdienen, damit sie im Himmelreich gepolsterte Sessel bekommen und nicht auf Stühlen sitzen müssen. Also, Gott schafft ganz sicher keine toxischen Beziehungen. Lies mal im Alten Testament, wen er da so alles abserviert hat. Menschen, die Gift versprühen, sind nicht ganz dicht. Sie müssen unbedingt mit ihrer unmöglichen Art andere mit in die Katastrophe hineinziehen. In christlichen Gemeinden gibt es übrigens auch solche Typen. Ich habe sie kennengelernt. Sie sind vielleicht höchstens mal am Glauben vorbeigeschrammt, aber der Glaube hat vor ihren verbitterten Herzen halt gemacht.

Halten wir fest, dass ein Christ aus seinem Verantwortungsbewusstsein Gott gegenüber keine toxische Beziehung aushalten muss. Gott selbst hält solche Typen noch nicht einmal aus. Es steht in der Bibel: „Wie sie es für nichts geachtet haben, Gott zu erkennen, hat Gott sie dahingegeben in verkehrten Sinn, so dass sie tun, was nicht recht ist.“ Römer 1, ab Vers 28. Es lohnt sich, mal weiter zu lesen. Menschen, die nichts anderes können, als Gift zu versprühen, sind ganz bestimmt keine Christen. Jeder kann natürlich mal situationsbedingt giftig werden. Das ist aber nicht damit gemeint.

Die eigene Identität

Nach diesen Beobachtungen müssen wir uns fragen, von woher wir uns selbst definieren in unserem Denken, in unseren Einstellungen, unserem Handeln. Irgendwie sind wir Menschen ja darauf aus, anerkannt zu werden. Was habe ich denn zu bieten? Welche hervorstechenden Begabungen könnten andere Menschen beeindrucken. Ich muss ja nicht gleich von einer Horde sensationslüsterner Reporter verfolgt werden. Vielleicht ist es ja einfach die Geschicklichkeit, etwas gekonnt zu reparieren. Das attraktive Aussehen kann auch ein Faktor sein. Wenn das alles nicht gelingt, dann neigen Menschen häufig dazu, sich aus dem Negativen zu definieren, indem sie anderen zum Ärgernis werden. Genug Menschen aus der Fassung zu bringen kann Zufriedenheit hervorrufen. Bei uns in der Stadt demonstrieren Montag für Montag einige ewig Gestrige für oder gegen irgendetwas. Mit Fahnen ziehen sie durch die Stadt und brüllen ihre sinnlosen Parolen raus. Kein vernünftiger Mensch nimmt diese Horde ernst, nur ein paar Fernsehsender, um zeigen zu wollen, wie verdorben diese Stadt sei. Dabei geht es nur um ein kleines Grüppchen gegen eine breite Stadtgesellschaft.

Die Frage stellt sich, wieso ein Mensch so geworden ist? Ich möchte es mit einem Bild versuchen: Der toxische Mensch ist entkoppelt. Wie ein Güterzugwagen, der sich gelöst hat und nun unkontrolliert ins Tal saust. Oder, wie ich es selbst auf der Autobahn erlebt habe, als sich ein PKW-Anhänger löste, unkontrolliert über die Fahrbahn rollte und mit mehreren Autos zusammenstieß. Entkoppelt. Der Mensch, der die Kontrolle über sich selbst verloren hat. Mein Vater war so ein Beispiel. Er lag mit allen Nachbarn im Streit, wegen Kleinigkeiten. In den Nachrichten hören wir oft von Tätern, die die Kontrolle über sich verloren haben. Jemand, der von dieser schrecklichen Entwicklung geheilt wurde, erzählte in einem Fernsehinterview, er sei sich wie in einem Tunnel vorgekommen. Der entkoppelte Mensch, der anderen das Leben schwer macht, toxisch und rücksichtslos, kann also geheilt werden. Um zu dem ersten Bild zurückzukehren: Der Güterwagen bleibt in der Spur, solange die Koppelung funktioniert.

Weg der Heilung

Heilung kann es nur bei dem geben, der uns das Leben geschenkt hat, bei Gott. Meinen leiblichen Vater habe ich leider in doppelter Weise schlimm erleben müssen. Er gehörte zum Leitungsgremium seiner Kirchengemeinde, führte die Gemeindekasse, übernahm in Gottesdiensten Beiträge. Und zu Hause erlebten wir ihn als unkalkulierbaren Tyrann. In der Gemeinde wurde er aufgrund seiner zuvorkommenden Art wertgeschätzt. Das Christsein habe ich ihm nie glauben können. Ich bin von ihm in schlimmster Weise misshandelt worden.

Nur, wer sich ehrlich Jesus Christus stellt und seine Hilflosigkeit bekennt, wird von ihm geheilt. Es kann ein längerer Prozess werden. Bestimmt muss er auch sein Verhältnis zu einigen Menschen in Ordnung bringen, um Vergebung bitten. Mein Vater hat sich bei uns Kindern nie entschuldigt. Er war fest davon überzeugt, dass bei ihm alles in Ordnung sei. Seinen Tod mit über neunzig habe ich als Befreiung erlebt. Ich werde eine Trauerfeier nie vergessen, die ich selbst gehalten habe. Die Familie hatte unter dem Verstorbenen sehr gelitten. Die engsten Angehörigen baten mich, ganz offen darüber zu sprechen. Das habe ich getan. Denn jeder der Anwesenden wusste, was für ein Ekel dieser Mann gewesen ist.

An einer Beobachtung kommen wir bei diesem schweren Thema nicht vorbei. Immer wieder hören wir von Menschen mit psychischer Störung, die Schlimmes angerichtet haben. Manchmal frage ich mich, ob dabei nicht viel zu schnell von einer Krankheit gesprochen wird. Ich kann es nicht beurteilen. Aber die Frage beschäftigt mich. Da erfahren wir Fernsehzuschauer, dass sich der Mörder in einer psychischen Ausnahmesituation befunden habe. Oft sind Drogen, Alkohol und Medikamente im Spiel. Vor meinem Vater hatten wir Kinder Angst, wenn er zu viel Alkohol getrunken hatte. Wie oft drohte er uns: „Ich bringe euch alle um.“ Meine Zimmertür schloss ich in der Nacht oft ab.

Leider bleibt in der modernen Psychiatrie Gott ausgeschlossen. Das war in früheren Zeiten einmal anders, nicht immer nur positiv, dass muss auch erwähnt werden. Die entscheidende Frage des Menschen nach seinem Halt wird nicht gestellt. Psychotherapeuten, Traumatherapeuten und viele andere Spezialisten haben den Seelsorger verdrängt. Statt Gebet ausgefeilte Therapieprogramme und gezielt einsetzbare Medikamente. Ich will nicht das Eine gegen das Andere ausspielen. Aber die Seele eines Menschen ist nun mal das Spezialgebiet Gottes.

In den achtziger Jahren habe ich den Chefarzt einer psychiatrischen Klinik gekannt. Ein überzeugter Christ, der seinen Glauben lebte. An jedem Tag habe er für die Patienten gebetet. Und wenn jemand offen dafür war, betete er mit ihnen während der Sprechstunde. Einige haben dadurch Heilung erfahren. Das sind nun mal Fakten.

Eine Gott-lose Gesellschaft ist eine entkoppelte Gesellschaft, die sich von ihrem Ursprung gelöst hat und sich im freien Fall befindet. Dafür gibt es jeden Tag genug Beispiele.

Vergebung erfahrbar machen

Jetzt komme ich noch auf einen äußerst schwierigen Faktor zu sprechen: die Vergebung. Diese großartige Handlung ist uns Menschen mit auf den Weg gegeben. Ein paar Worte reichen allerdings meistens nicht. Vergebung kann ein langer Prozess werden. Bei mir waren es mindestens vier Jahre. Schließlich habe ich meinem Vater vergeben. Alleine für mich vor Gott, ohne mit ihm sprechen zu können. Er war sich nie einer Schuld bewusst. Ich habe es im Gebet getan, in dem Bewusstsein, dass Jesus Christus mir Frieden schenkt. Immer wieder habe ich diese schwere Belastung ins Gebet getragen. Immer wieder. Manchmal überkamen mich Zweifel, ob es gelingt. Heute habe ich Frieden! Eine wunderbare Befreiung. Und eines ist auch ganz klar: alleine schaffen wir einen solchen Vergebungsprozess nicht. Wir brauchen Unterstützung.

Mein Wunsch

Bei diesem belastenden und emotionalen Thema wünsche ich Dir vor allem Mut! Gib es nicht auf, aus einer toxischen Beziehung befreit zu werden. Rückschläge sind möglich. Bringe alles ins Gebet, auch wenn Du längere Zeit keinen Erfolg siehst. Ich wünsche Dir Befreiung!

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